Donnerstag, 9. Juni 2011

Warum ich noch mitspiele

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich eher über die Schattenseiten des Lebens/Internets/Supermarkts/[hier beliebiges einsetzen] aufzuregen, als sich über die (möglicherweise sogar deutlichen überwiegenden) Vorteile Gedanken zu machen.
Das ist selbstverständlich jedermanns und jederfraus gutes Recht. Dennoch entsteht daraus ein gerüttelt Maß an einseitiger, wenn nicht gar verzerrter Wahrnehmung. Die daraus resultierenden "Das Glas ist halbvoll"- und "Das Glas ist halbleer"-Fraktionen werden durch eine bekannte Mitmach-Enzyklopädie noch um eine Gruppe erweitert:
"Das Glas ist für diese Menge falsch dimensioniert."

Nachdem ich diesen Blogbeitrag nun bereits dreimal hin- und hereditiert habe und jedes mal nur bereits bekanntes zur Wikipedia (jibbie-über-1-Million-Artikel, 10 Jahre, Wachstum, Benutzer-Zuwachs, Medienpräsenz, Webhits, meistgelesen, tralala und hoppsasa) dabei herauskam, bin ich der Meinung, dass sich jeder selbst was positives zur Wikipedia denken kann, ohne dass ich hier Redundanzen einstreue.

Denn an sich war ja die Frage, warum ich noch mitspiele. Das ist in aller erster Linie ziemlich povensiv - wie das in Blogs nunmal so ist. Also nochmals: Warum bin ich noch dabei, wenn beim Blick auf den "Maschinenraum" der Wikipedia doch so viel im argen ist?

[KPA]
Es werden Autoren gestalkt, Editwars vom Zaun gebrochen und Gesinnungskriege ausgefochten. Das "quid pro quo" wird gerne für den teils pseudo-intellektuellen und virtuellen Nahkampf als Maxime ausgegeben und irgendeine (selbstverständlich ungerechtfertigte) Blutgrätsche (vulgo VM, CU, SG [wenn es nicht gerade für "absurd" erklärt wird] oder AN) ist gerade gut genug. Da werden Benutzergruppen pauschal angeprangert und munter Geschäftemacherei mit Fotos in den Raum geworfen (ich glaub, es hackt!). Die einen nennen Admin-Aktionen "Willkür" und "Schutz der Elite" in Verbindung mit "Knöpfe statt Böller". Andere wiederum sehen sich grob vernachlässigt und allein gelassen, wenn selbstverständlich in der falschen Version geschützt wird. Einige Nutzer haben entdeckt, dass es sich vorzüglich in der Wikipedia leben lässt, wenn einfach nur diskutiert wird - quasi als WikiDebateria. Und wieder andere pflegen einen Diskussionsstil, der im echten Leben niemals so lange toleriert werden würde. Die Reise an die Grenze der eigenen Höflichkeit ist maximal ein spät begonnener Halbtagestrip: Hauptsache zum Mittagessen wieder zu Hause, dann kann man wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und losholzen. Wir nehmen alles an - ausser Vernunft. [{{Nur Liste}} - hilf mit, diese Aufzählung auszubauen.]
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Alles in allem könnte man meinen, dass hier das virtuelle Fegefeuer ist - warum sollte man da rein?

Ich bin hier, weil ich tatsächlich immer noch an dieses großartige Projekt glaube. In einer Zeit, in der praktisch alles kommerzialisiert werden kann, ist freier Content wertvoller als alle Volkswirtschaften. Wissen zu verbreiten, Bildung für jedermann und jederfrau zu ermöglichen und am Ausbau dieser Wissensdatenbank frei mithelfen zu können - das ist zumindest für mich keine Selbstverständlichkeit und zum anderen eine ehrenvolle Aufgabe.

Das wird mir dann bewusst, wenn ich auf Diskussionsseiten, Stammtischen, WikiWorkshops oder demnächst auf der WikiConvention wieder einen Teil der sich massiv in der Überzahl befindenden Menschen (!) treffe, die dieses Projekt absolut unaufgeregt und beharrlich mit unzähligen Edits, Freizeitinvestitionen, Kamera-Touren, Projekten, Workshops, Ideen, Kategorien, Infoboxen, Grafiken, Bibliotheksbesuchen, Wettbewerben, Mentorenprogrammen, ehrenamtlicher Arbeit im Supportteam und und und (Aufzählung mal sowas von unvollständig - sorry) erst zu dem gemacht haben, was es vordergründig für Millionen von Lesern eigentlich ist: Ein kollaboratives Projekt zur Erstellung einer freien Online-Enzyklopädie zu der jeder beitragen kann.

Dabei geschieht dies weitgehend ohne Ansehen (im wahrsten Sinne des Wortes - wir sind ja meist anonym) der Person. Taten statt Worte und die (getippten) Worte sind gleichzeitig die Taten. Vertrauen auf Verdacht und spätestens nach WP:Q abgenickt. In Lohn und Brot stehende Menschen arbeiten genauso mit wie Schüler, Arbeitslose oder Rentner. Wo gibt es eine derart (von der Internetaffinität abgesehen) heterogene und doch produktive Arbeitsgemeinschaft?

Ja, ich weiß: Trotzdem ist mancherorts Sand im Getriebe. Aber ist das nicht normal, wo mehr als ein Mensch unterwegs ist? Und dort sind mittlerweile sehr viele Menschen unterwegs. Wir müssen uns dringend von dem Gedanken verabschieden, ein Wissens-Krämerladen zu sein, in dem sich die paar Mitarbeiter und Kunden kennen. Wir sind - was Anzahl der Seiten, Schwesterprojekte, Wirkung, Nutzer und Benutzer betrifft - ein Wissens-Großkonzern, mit allen Vor- und Nachteilen.

Nein, ich habe keine Patentlösung für die durchaus vorhandenen Probleme. Aber ich spiele solange mit, wie ich etwas zu diesem Projekt beitragen kann und dass dieses möglicherweise irgendein Leser tatsächlich als Mehrwert erfasst. Das nennt man wohl Altruismus gepaart mit ein bisschen Naivität. Das nehm ich aber auf meine Grundsatzoptimismus-Kappe. Und das war und ist imho das Fundament der Wikipedia.

Um im Bild zu bleiben: Ob das Glas nun halbvoll, halbleer oder falsch dimensioniert ist, spielt im Grunde solange keine Rolle, wenn der Inhalt mit dem Etikett übereinstimmt.

Happy Editing.

(Rob Irgendwer)

Kommentare:

Arne hat gesagt…

Du sprichst mir aus der Seele.

Ra Boe hat gesagt…

Gut gebrüllt / geschrieben Löwe ;)

dirkfranke hat gesagt…

Hauptsache wir kommen dann nirgendwo hin, wo das Glas leer ist aber der Inhalt vorher mit dem Etikett übereinstimmte.

Wobei mein subjektiver Eindruck eh ist, dass seit ca. einem Jahr vieles deutlich entspannter und weniger anstrengend ist, als es schonmal wahr.

Wenn ich jetzt auf Diskussionsseiten von Nutzern gehe, steht da schon in >50% was nettes als letzter Post. Das war mal gaaanz anders.

Achim hat gesagt…

It depends - im Moment sind die Fotografen im Fokus der Kritik und der Verein natürlich als Dauerbrenner (wobei sich da gerade eine recht spannende Abwartestimmung - aufgrund der laufenden Projekte? - einstellt). Neulinge werden vielleicht weniger hart abgebügelt, sind aber noch immer Freiwild, Entspannung sehe ich eigentlich nur bei den Autoren, wobei da ja auch immer weniger passiert, oder?

Mein subjektiver Eindruck stimmt übrigens durchaus mit dir überein - ich schiebe das jedoch eher darauf, dass ich deutlich mehr Abstand habe als früher (und viel weniger präsent bin).

AndreasP hat gesagt…

Aus genau denselben Gründen "spiele" ich auch noch mit. Ich stimme in allen Punkten überein (das mit gewissen Fotografen, deren Gebaren ich übrigens schon lange als projektschädlich und höchst unangenehm ansehe, was ich auch nie verhehlt habe, mal ausgenommen.)

dirkfranke hat gesagt…

Nebenbei: im Freibierblog möchte ich ja wohl bitte nur ganz volle Gläser.

Achim hat gesagt…

So langsam scheint sich der Name zu etablieren ;O)

@Andreas: Sind wir nicht alle ein wenig ... projektschädlich?