Sie brachten uns in einen abgedunkelten, fensterlosen und schwülwarmen Raum, in dem bereits mehrere Frauen und vereinzelt auch Männer saßen. Wir hörten Schreie aus einem der Nebenzimmer - scharfe Schreie, unterbrochen von lauten und stoßweisen Atemzügen, denen man den in ihnen liegenden Schmerz und die Arbeit anhörte - dann wieder ein Schrei und durch die Wände gedämpfte Rufe, treibend und fordernd. Die Frauen in unserem Raum wirkten gelassen bis interessiert, den anwesenden Männern sah man ihre Anspannung und das Gefühl, hier nicht ganz richtig zu sein, an, wie Statisten am falschen Filmset. Wieder das stoßweise Atmen auf dem Flur, danach ein weiterer gepresster Schrei. Ich kann nicht sagen, wie lang das ging - Schreie, Atmen, Pressen, Rufe - , über Minuten, vielleicht Stunden, bis man irgendwann jedes Gefühl für Zeit verlor.
Dann herrschte plötzlich nach einem erneuten lauten und finalen Schrei vollständige Ruhe. Der jungen Frau auf der anderen Seite unseres Raumes mit dem schlichten Kopftuch und dem wahrscheinlich viel zu warmen Umhang über ihren aufgetriebenen Bauch, ging ein Lächeln über den Mund. Die ältere Frau, wahrscheinlich ihre Mutter, sprach sie leise auf türkisch oder arabisch an. Ich wechselte einen Blick mit meiner Frau, die ebenfalls lächelte und dabei ihren Bauch rieb. Sie wusste, sie wird in ein paar Tagen, vielleicht schon morgen, selbst in einem der Zimmer liegen und schreien - und sie freute sich darauf. Nachdem die Schreie verklungen waren, war noch kurz das kräftige Krähen eines Säuglings zu hören, danach wieder gedämpfte Stimmen und offensichtliche Betriebsamkeit. Eine Frau in Schwesternkleidung rannte an unserer Tür vorbei in einen anderen Raum, dann wieder Stille.
Es dauerte noch einige Zeit, bis erst die junge Frau mit ihrer Mutter und dann auch wir abgeholt wurden. Sandra wurde auf eine Liege gelegt und eine Schwester schmierte ihren riesigen Bauch mit einem kalten Gel ein, so dass sie unwillkürlich zusammenzuckte. Sie legten Gurte mit den Sensoren für den Wehenschreiber an. Augenblicke später erfüllte das schlurfende Geräusch des Apparats den Raum, durchzogen von dem regelmäßigen Herzton der Ungeborenen, während das Gerät seine zackigen Kurven auf Papier schrieb. Danach kam eine Ärztin und drückte den breiten Sensor des Ultraschallgerätes an ihren Bauch. Auf dem Bildschirm war der Fötus in seiner dunklen Fruchtblase zu sehen. Alles war in Ordnung, das Kind lag ruhig und kopfüber in seiner Höhle und machte regelmäßige Atembewegungen. Die Herztöne waren perfekt; noch gab es keine Panik, noch drängte es nicht, den warmen Schutz im Inneren meiner Frau zu verlassen. Sandras Blick war verträumt zum Bildschirm gerichtet, ich hielt ihre Hand– was hätte ich auch sonst tun können. Nach einigen weiteren Untersuchungen teilte uns die Ärztin mit, dass es bereits schwache Wehen gäbe und der Muttermund bereits weicher wurde: “Wahrscheinlich wird ihr Kind morgen zur Welt kommen,” sagte sie sachlich und zugleich zärtlich.
Ich fuhr nach Hause, denn da gab es ja doch noch einiges zu tun - immerhin gab es ja einige Geschwister, die wir zwar eine Zeitlang allein lassen konnten, die letztlich aber auch noch was zu essen brauchten - und vor allem wissen wollten, wie es ihrer Mutter ging. Sandra war in guter Obhut in der Klinik und man würde mir schon Bescheid geben, wenn es losgeht. Für den Fall waren auch unsere Freunde informiert, die dann zumindest die beiden jüngeren Kinder zu sich nehmen wollten; die verteilten wir entsprechend direkt. Am Abend ging ich dann normal schlafen, das Handy direkt neben mir auf dem Nachtschrank - und um 2:00 Uhr am nächsten Morgen ging es dann auch los: “Komm sofort ins Krankenhaus, schnell,” brüllte Sandra mich durchs Telefon an. “Sie kommt …,” und dann wurde sie von einer Wehe unterbrochen. Ich versicherte ihr, dass ich mich losmachen und beeilen werde, in einer halben Stunde sollte ich da sein - die Straßen waren ja frei. Ich weckte den Großen und sagte ihm, dass ich ins Krankenhaus fahre und er sich um die anderen kümmern sollte. Dann stürmte ich auch schon los. Nun war es nicht die erste Geburt, die wir gemeinsam durchmachten, aber es war auch nicht Routine genug, als dass ich nicht nervös und aufgeregt war. Als ich in den Kreißsaal kam, wurde ich auch direkt erwartet und zu meiner Frau geführt, die bereits auf die Niederkunft vorbereitet war. “Die Wehen kommen regelmäßig," teilte mir die Hebamme mit, “aber es wird auch noch etwas dauern.” Weil die Wehen noch zu schwach waren, hatten sie meine Frau an einen Tropf angeschlossen, der die natürlichen Wehen durch zusätzliche Gabe von Oxytocin unterstützen sollte; auch das kannte ich von der letzten Geburt, bei der die natürlichen Wehen über die Zeit nachgelassen hatten. Das Oxytocin sorgte allerdings tatsächlich für sehr starke Wehen und so bog sich Sandra alle paar Minuten unter Schmerzen, bis sie schließlich so schnell hintereinander kamen, dass die eigentliche Geburt eingeleitet wurde.
“Was im Kreißsaal und unter der Geburt passiert und gesagt wird, bleibt im Kreißsaal,” sagte mir die Hebamme und so möchte ich es auch halten. So viel nur: Das Kind kam unter enormen Kraftanstrengungen und Schmerzen auf die Welt und mein Job war vor allem, meiner Frau mit enormem Kraftaufwand die Beine zu spreizen und sie so zu unterstützen. Sobald wir den kleinen Kopf zwischen den gespreizten Beinen erkennen konnten, und dieser kurz darauf auch heraustrat, nahm die enorme Anspannung fast schlagartig ab und der Rest des kleinen Körpers kam direkt hinterher. Um 3:47 Uhr war sie da, 4,6 Kilo schwer - ein echter Klopper. “Die Nase, die Nase, sie sollen sich die Nase ansehen,” rief meine Frau geschwächt und in Erinnerung an Komplikationen bei der Geburt unseres Sohnes; Schon hatten die Hebammen das Kind genommen und untersuchten es bereits. Der erste Schrei und damit die Gewissheit, dass das Kind Luft bekam und Atmen konnte, kam kurz darauf. Was blieb, waren Blut, Schweiß, Kot und Urin - und doch zeugte all dies von einem der schönsten und intimsten Erlebnisse, die wir gemeinsam hatten. Sobald meine Frau das noch käsige und blutige Bündel auf ihrem Bauch spürte und ich mit der Schere die letzte Verbindung zwischen ihr und ihrer Tochter getrennt hatte, waren alle Schmerzen, all die Kraftanstrengungen und alle Leiden der letzten Stunden vergessen - und wir beide waren glücklich. Geschafft; Ich nahm beide in den Arm und wir genossen diesen ersten wunderschönen Moment mit unserer gemeinsamen Tochter, die wir mit dem bereits vorher gewählten Namen Freya Nour ansprachen.
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| Freya Nour, geboren am 29. November 2016 |
Die Geburt war natürlich nur der Start für das neue Leben, wenn auch sicher der prägendste und intimste Moment. Freya ist die Jüngste von sechs und heute ist sie neun Jahre alt. Wie alle unsere Kinder lieben wir sie abgöttisch und genießen jeden Tag, den wir mit unseren Kindern haben - auch wenn sie ebenso wie alle anderen gelegentlich an unseren Nerven zerrt. Und damit soll diese Erzählung von ihrer Geburt auch ein Ende haben, über alles andere können andere Geschichten berichten.
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